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was ist ein quilt?

Das Wort “Quilt” kommt aus dem Englischen und heisst wörtlich übersetzt einfach “Steppdecke”. Aber diese Bedeutung ist längst kein treffender Ausdruck mehr für die Meisterwerke, die unter dem Namen Quilt im Amerika der Kolonialzeit entstanden und heute überall auf der Welt entstehen.

Ein Quilt besteht immer aus drei Stofflagen:

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Die Quiltoberseite, auch Quilttop genannt, ist entweder aus vielen Stoffteilen zusammengesetzt (Patchwork) oder mit Applikationen versehen oder beide Elemente sind vorhanden. Die Oberseite kann auch nur aus einem einzigen Stück Stoff bestehen (Wholecloth Quilt).

Bild links: Top aus vielen Stoffteilen zusammengesetzt (ca. 1880/85, aus der Sammlung von Connie More Mincer, FL/USA)

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Die Zwischenlage (Batting) bestand früher aus Wolle oder Baumwolle, die von Hand auseinandergezupft werden musste, bevor die Oberseite daraufgelegt und das Ganze zusammengeheftet wurde. In manchen alten Quilts sieht man im Gegenlicht sogar die Samenkörner der Baumwolle. Heute wird meist eine Watte aus Polyester- oder Baumwoll/Polyestergewebe benützt.

Bild links: Appliqué Quilt (ca. 1880/1885, aus der Sammlung von Connie More Mincer, FL/USA)

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Die Quiltrückseite besteht meist aus einem einheitlichen Stück Stoff, kann aber auch aus vielen Stoffteilen zusammengesetzt werden (ergibt u.U. einen Doubleface Quilt).

Bild links: Doubleface Quilt Vorderseite (aus der Sammlung von Connie More Mincer, FL/USA)

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Der Begriff “quilten” selber bezieht sich auf das Zusammensteppen der drei Lagen mit kleinen Vorstichen. Das geschah früher ausschliesslich von Hand, heute wird auch mit der Nähmaschine gequiltet. Erst das Quilten gibt dem Quilt die plastische Dimension, die ein schöner Kontrastpunkt zum Farbenspiel der Oberseite darstellt.

Bild links: Doubleface Quilt – Rückseite (aus der Sammlung von Connie More Mincer, FL/USA)

die geschichte der quilts

Die Chinesen waren vermutlich die ersten, die ihre Winterkleidung aus drei Lagen Stoff hergestellt haben. Zwischen Ober- und Unterstoff wurde eine wärmende Zwischenschicht eingefügt und durch Quiltnähte zusammengehalten.

Von China aus verbreitete sich diese Idee über den ganzen Orient hinweg. Ritter schliesslich brachten im Mittelalter gequiltete Unterhemden, die sie unter ihrer schweren Rüstung trugen, aus den Kreuzzügen mit nach Europa. Hier nutzte man diese Technik, um wärmende Kleidung und Decken, später auch Wandteppiche, zu fertigen. Eine ungewöhnliche Kältewelle im 14. Jahrhundert belebte in England die Nachfrage nach gequilteten Textilien. Anfangs waren die Quiltmuster rein zweckmässig gestaltet, aber bald quiltete man kunstvolle Ornamente. Portugiesische Händler brachten orientalische Quilts nach Europa und deren verschlungene Muster dienten als Vorlagen. Die Quilts entwickelten sich allmählich von einem Gebrauchsgegenstand zu Kunstwerken. In Italien entstand die Trapunto-Technik. Bei dieser wird auf einem weissen Untergrund gequiltet und die einzelnen Ornamente werden durch leichtes Ausstopfen plastisch gemacht. In Frankreich wurden Quilts aus Seiden- und Damaststoffen und in Spanien aus Brokat und Samt genäht.

wie die quilts nach amerika kamen

Mit den Auswanderern aus ganz Europa nach 1620 gelangten die warmen Decken in die Neue Welt. In Amerika angekommen, waren die mitgebrachten Quilts nach den erlittenen Strapazen auf der Reise arg ramponiert. Es gab kaum eine Möglichkeit, neue Stoffe zu kaufen. So mussten die alten Quilts geflickt werden. Man nahm dazu, was zur Verfügung stand: Stücke von alten Kleidern, die noch brauchbar waren oder was sonst als geeignet erschien. Diese aus der Not entstandenen Quilts waren bestimmt alles andere als kunstvoll, aber sie taten ihren Dienst. Auch als sich das Leben der Einwanderer langsam normalisierte, blieb die Beschaffung der Stoffe ein Problem. So wurden die Quilts weiterhin aus Resten hergestellt. Aber nun gingen die Frauen dazu über, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie begannen, ihre eigenen Muster zu entwerfen und versuchten, komplizierte und interessante Quilts anzufertigen. Sie gaben diesen Mustern (Blöcken) Namen. Die Namen dieser auch heute noch verwendeten Muster stammen teilweise aus dem Bereich der täglichen Arbeit und dem täglichen Leben wie “Sawtooth” (Sägezahn), “Basket of Scraps” (Restenkorb) oder “Broken Dishes” (Scherben). Oder sie stammen von den Gegenden, in denen die Muster entstanden sind wie “Ohio Star” oder “Texas Star”. In den kargen Blockhütten waren die farbenfrohen und phantasievollen Decken oftmals das einzige Schmuckstück.

Bald schon übernahm das Quilten eine soziale Funktion. Bei sogenannten “Quilting-Bees” trafen sich die Siedlerfrauen. Im Land der grossen Entfernungen befreiten sie sich so aus ihrer Isolation und tauschten Neuigkeiten und Erfahrungen aus. Sie fügten dann gemeinsam die daheim vorbereiteten Blöcke zu einem Quilt zusammen und quilteten ihn gemeinsam, eingespannt in einen grossen Rahmen. Muster und Farben sind je nach Gegend, Lebensstil und Religion unterschiedlich. Ausser den eigenen stellte man bei diesen Gelegenheiten auch gemeinsam Quilts für besondere Ereignisse her (zum Beispiel Freundschafts-, Gedächtnis- oder Brautquilts).

Alle vor 1750 entstandenen Quilts sind ausgesprochene Patchwork-Arbeiten. Von 1750 – ca. 1850 waren Quilts mit Applikationen populär, vor allem Blumenmuster. Den Quilts mit Applikationen wurde in der damaligen Zeit ein höherer Wert beigemessen und sie wurden nur bei besonderen Gelegenheiten aufgelegt.Deshalb sind uns viel mehr antike Quilts mit Appliziermustern erhalten geblieben als Patchwork-Quilts. Diese waren für den täglichen Gebrauch bestimmt und nutzten sich so natürlich schneller ab.

die quilts im 20. und 21. jahrhundert

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist die Quiltkunst in Amerika wieder neu aufgeblüht und in den achtziger Jahren wurde das Quilten auch in Europa wieder populär. Aber der heutige Quilt hat das Image der nützlichen Tagesdecke schon lange überwunden. Quilts haben weit über ihre Bestimmung als kulturgeschichtliches Dokument hinaus an Bedeutung gewonnen. Nachdem sie über Generationen als “Frauenarbeit” abgetan worden waren, und nachdem 20 Jahre lang heftig darüber debattiert wurde, ob sie Handwerk oder Kunst seien, haben Quilts ihren Platz als Kunstobjekt behauptet. Indem Quilts als Designobjekte präsentiert wurden, dienten während der letzten drei Jahrzehnte die Ausstellungen in den Museen dazu, die Quilts von ihrer Vergangenheit des reinen Gebrauchsgegenstandes zu lösen. Die Quilt-Herstellung hat begonnen, Künstler/Innen anzuziehen, die sich entschlossen haben, sich selbst mit Nadel und Faden darzustellen und ein erreichtes Ansehen auf Gebieten wie der Malerei hinter sich zu lassen (übrigens: es gibt mehrere international bekannte und anerkannte männliche Quiltkünstler, z.B. Michael James, Ricky Tims, John Flynn u.a.).

Die heutigen Quiltkünstler/Innen sind innovativ, sie setzen ihre Ideen teilweise auf unkonventionelle Art und Weise um. An der 1. Europäischen Quilt-Triennale, die in den Jahren 2000 und 2001 in Deutschland und in der Schweiz stattfand, war dies klar zu erkennen. Es werden handgefärbte Baumwoll- und Seidenstoffeverwendet. Zudem werden immer mehr Techniken der Bildenden Kunsteinbezogen (künstlerische Bemalung, Hand-, Sieb- und Computerdruck). Auch quilt-atypische Materialien wie Plastikfolie, Bronzegewebe, Reissverschlüsse und vieles mehr werden verwendet. Es wird mit optischer Mehrschichtigkeit und Tiefe gespielt (Beispiel: dreidimensionale Lamellenquilts) oder auch Durchblicke konzipiert mittels transparenten Stoffstücken oder fensterartigen Öffnungen.

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